Altana-CEO Martin Babilas: Die Schaffenskraft der Neugier

Wenige Chemiekonzerne investieren so viel in Forschung wie Altana. Vorstandschef Martin Babilas kann im Kampf gegen die Branchenriesen auf die Ideen seiner Mitarbeiter zählen – und eine langfristig denkende Eigentümerin.

WeselUm innovativ zu bleiben, macht Martin Babilas schon mal ungewöhnliche Dinge für seine Mitarbeiter. Zum Beispiel Lammrücken mit Ofengemüse. Neulich stand der Vorstandschef des Chemiespezialisten Altana dafür sogar persönlich in der Betriebskantine. Zuerst in der Küche, dann an der Essensausgabe. Regelmäßig kochen bei Altana Führungskräfte für die Belegschaft. Auch Finanzvorstand Stefan Genten wechselte vor Kurzem für einen Tag seinen Schreibtisch gegen die Betriebsküche.


Babilas’ Suche nach Nähe hat handfeste Gründe. Für einen Spezialchemiekonzern wie Altana sind neue, bestechende Produktideen überlebenswichtig. Und die können nur dort entstehen, „wo man sich offen über Abteilungs- und Hierarchiegrenzen hinweg austauschen kann“, sagt der Unternehmenschef. „Da ist die Mittagspause für mich eine gute Gelegenheit, um mit vielen Mitarbeitern direkt ins Gespräch zu kommen.“

Seit Anfang 2016 führt der 46-jährige Betriebswirt die Weseler Altana AG und legte gleich einen guten Start hin. Der Umsatz wuchs 2016 zwar nur leicht auf 2,1 Milliarden Euro, das Betriebsergebnis schnellte dafür um ein Drittel auf 329 Millionen Euro hoch. Für das Geschäftsjahr 2017 erwartet Babilas noch mal ein Umsatzplus von zwei bis fünf Prozent. Insgesamt 6 000 Angestellte arbeiten für den Konzern, der zu 100 Prozent der Beteiligungsgesellschaft von Quandt-Erbin Susanne Klatten gehört.

Kein stilles Kämmerlein

Altana ist einer dieser deutschen Spezialhersteller, deren Produkte nur schwer zu kopieren sind. Das Unternehmen vom Niederrhein stellt Chemikalien her, die Oberflächen wasserabweisend machen, Drähte isolieren oder Farben und Lacke zum Glänzen bringen. Zu den vier großen Geschäftsbereichen des Konzerns gehören sogenannte Additive, die Kunststoffe und Lacke verbessern. Weitere Felder sind Dichtungsmassen, Effektpigmente für Schminke und Imprägniermittel.

Um das Unternehmen weiter nach vorn zu bringen setzt Babilas neben kleineren Zukäufen vor allem auf die eigenen Ideen. Sechs Prozent des Umsatzes steckt das Unternehmen jedes Jahr in Forschung und Entwicklung – ein Wert, den kaum ein anderer Chemiekonzern erreicht. Davon profitieren nicht nur die 50 Altana-Labors weltweit. Das Unternehmen setzt zunehmend auf eine interdisziplinäre Vernetzung etwa mit Hochschulinstituten und Start-ups. „Es ist wichtig, dass Forscher nicht allein im stillen Kämmerlein an einem neuen Produkt arbeiten“, sagt er.

Dort wären vermutlich auch heutige Altana-Bestseller wie eine neue Dichtungsmasse für Kronkorken nicht entstanden. Mitarbeiter hatten von Messen immer wieder Wünsche von Brauereien und Getränkeabfüllern mitgenommen, die Stahl bei der Produktion sparen wollten.

Am Prinzip Kronkorken hatte sich seit 120 Jahren nicht viel verändert: Ein Viertelmillimeter dünnes Blech aus Stahl, gefüllt mit einer Kunststoffdichtung, verschließt Bier- und Limo-Flaschen in aller Welt. Gemeinsam mit einer Großbrauerei entwickelten Altana-Forscher vor drei Jahren eine neue Dichtungsmasse. Sie sorgt für so viel Stabilität, dass die Stahldeckel nun dünner und leichter sein können. Bei vier Milliarden Kronkorken im Jahr werden so rund 16.00 Tonnen Stahl eingespart.

Es ist ein typisches Beispiel dafür, dass Produkthersteller kostengünstiger und zugleich nachhaltiger produzieren wollen. Für die deutsche Chemieindustrie insgesamt bietet dieser Trend in den kommenden Jahren riesige Chancen, heißt es in einer aktuellen Branchenstudie des Beratungshauses Deloitte. Vor allem Spezialchemiehersteller wie Altana, aber auch Evonik oder Lanxess könnten davon profitieren, heißt es.

Babilas weiß von diesem Potenzial, und er sieht es nicht nur in Europa oder Nordamerika, sondern vor allem in China. Die Regierung will dort die Wirtschaft des Landes in den kommenden Jahren mehr und mehr auf Nachhaltigkeit trimmen. „Die Veränderungen in China sind eine große Chance für uns“, sagt er. Schon heute kommen 30 Prozent des Altana-Umsatzes aus Asien, insgesamt verkauft der Konzern fast 90 Prozent seiner Produkte im Ausland.

In Asien erwartet Altana in den nächsten Jahren das größte Wachstum. Babilas setzt vor allem auf eine Präsenz vor Ort. „Wir wollen in allen Ländern nicht zuerst als deutsches Unternehmen wahrgenommen werden“, erklärt der CEO, „sondern als global sowie lokal führendes Unternehmen.“

In den vergangenen Jahren hatte Altana viel ins eigene US-Geschäft investiert, unter anderem durch Zukäufe. So will der Chemiespezialist nicht nur nah am Kunden arbeiten, sondern auch für etwaige Handelshemmnisse der Trump-Regierung gewappnet sein. „Das hätte wahrscheinlich keine großen unmittelbaren Folgen für uns“, erklärt Babilas.

Überleben nur die Großen?

Die Branche munkelt derweil, dass es Chemieunternehmen mit einer Größe von Altana nicht mehr lange geben dürfte – zumindest behaupteten dies jüngst bekannte Manager, wie Hariolf Kottmann, CEO der Schweizer Clariant AG. Er prophezeite, dass die Konsolidierung in der Branche dazu führe, dass nur noch Chemiespezialisten mit mehr als zwölf Milliarden Euro Jahresumsatz im Konkurrenzkampf bestünden.

In der Chemieindustrie hatte diese Aussage für ordentlich Verwunderung gesorgt – auch bei Altana-Chef Babilas: „Ich halte nichts von so pauschalen Aussagen“, sagt er. Größe sei eben kein Selbstzweck. „Wir sind in vielen Anwendungen Weltmarktführer und brauchen uns im Konzert der globalen Chemieunternehmen vor niemandem zu verstecken.“

Gegen Übernahmegelüsten ist Altana ohnehin gefeit, solange Eigentümerin Susanne Klatten Freude an dem Unternehmen hat. Sie bestimmt die Geschicke als Vizechefin des Aufsichtsrats mit, hält sich aber zurück und setzt auf Konstanz. Das zeigte sich auch an der Ernennung Babilas’, der sein ganzes Berufsleben bei dem Konzern verbrachte und vor seinem CEO-Posten als Finanzvorstand bei Altana angestellt war.

Klatten hatte den Konzern 2010 komplett gekauft und so von der Börse genommen. Aus der Zeit am Aktienmarkt hat sich Altana eine für ein reines Familienunternehmen ungewohnte Transparenz erhalten. Die Geschäftsberichte sind detailliert wie bei börsennotierten Firmen, auch die Ansprüche an Compliance und Unternehmensführung sind auf diesem Niveau. „Transparenz ist uns wichtig, weil wir uns als Teil der Gesellschaft verstehen und nichts zu verstecken haben“, sagt Babilas.

Eine Rückkehr an die Börse sieht der Altana-CEO aber nicht. „Diesen Schritt machen Unternehmen, wenn sie Kapital brauchen oder ihre Strukturen professionalisieren wollen.“ Beides habe Altana derzeit aber nicht nötig.